Heute morgen, nachdem ich Michael Perkampus eine Email mit der Bitte um ein Feedback auf meine letzten Texte gebeten hatte, antwortete er mir:

“du unterbrichst deine erzählweise durch reflektionen. du hast zwar schon immer auch reflektiert, aber dieses gedankengut mehr mit der erzählung selbst verbunden. ich kann nicht sagen, dass es nicht interessant wäre, aber ich frage mich, warum du das so machst. du bist ein grosser meister der fiktion – eben weil es dir immer gelingt, das ‘akademische’, ‘intellektuelle’ auch tatsächlich darzustellen.”

Worauf es zu folgendem Chatgespräch zwischen uns kam:

06:51 Ich: dort, wo ich mich wirklich an der fiktion versucht habe, habe ich versagt. kläglich.
der krötenkarneval war ja auch in erster linie reflektion
06:56 Michael: das schon, aber er war durchaus anders durchorganisiert
Ich: meine frage an dich drückt ja eine gewisse unsicherheit aus.
Michael: es ist ja nicht schlecht, um gottes willen
ich frage mich nur, warum du deine pfade verlässt
Ich: ich versuche ja zu verstehen, was mich überhaupt umtreibt
Michael: oh, das unterbewusste :)
Ich: haha, klar
ich habe auch das gefühl, als schriebe ich an einem gerüst
Michael: mir gehts doch ähnlich. ich will erzählen, stattdessen schreibe ich tohuwabohu und forsche mit ausdruck rum
das macht einen dann fertig, wenn man das gar nicht so haben will
06:58 Ich: ja
es sind dermassen viele spuren und eindrücke, denen ich folgen muss, dass ich angst habe, mich im erzählen zu verlieren. deshalb die gewisse strenge.
06:59 Michael: verlieren kann aber interessant sein
Ich: haha, na ja.
Michael: ich glaube, du hemmst dich oftmals selbst – deshalb auch noch keine langform von dir
du bist da noch zu kontrolliert

07:02 Michael: das ist im grunde das, was ich immer für mein problem hielt : die unendlichkeit
Ich: ich muss einen weg finden, meine reflexionen ins erzählen einzubinden oder umgekehrt.
Michael: ja, das meine ich
ich arbeite zb. mit ankern
du entwirfst zb. beide texte unabhängig voneinander
steht dann der erzähltext (du kannst dir da anker markieren)
fügst du die reflexion ein
07:04 Ich: gut, aber das muss man können, sonst zerfleddert der text
Michael: ja, das ist übung, aber das wird von selbst
man muss seine technik finden
07:05 Ich: die bisherigen texte neuschreiben mag ich im moment nicht. aber ich versuch mal was mit dem text für morgen.
extrem schwierig, weil es da nun um die sprache der schöpfung geht und um die biblische schöpfungsgeschichte, die ja viel unglatter konfliktreicher ist,
als was uns da immer erzählt wird.
Michael: du bist aber auch ein verrückter
du nimmst dir gerne das unsagbare her
07:07 Ich: es geht im schreiben nur darum. oder nicht? du machst es dir ja auch nicht einfacher.
die einheit ist nur die kehrseite derselben medaille.
Michael: aber bei mir sieht man eindeutig, dass ich spinne :)
gerade in den chroniken
haha
Ich: das ist meine grosse lüge: ich gebe vor, normal zu sein :)
Michael: haha, im grunde ja
07:08 Ich: mein hirn kreist nonstop um das grosse Nichts.
Michael: ich glaube durchaus, dass du auch die konventionelle satzform ab und zu verlassen wirst müssen
sonst bleibt es ein kreisen, das nicht zu stoppen ist
07:09 Ich: ich sehe, ich muss meine abgründe offenlegen.
Michael: das mit dem “halt” verstehe ich gut. gerade jetzt, wo ich sehr experimentiere, zieht mich etwas, das beinahe schmerz ist, weil
man gerade bleiben will …
ich zwinge mich fast, alles zu brechen, um zu sehen, was dabei rauskommt
ich liebe das krumme

Ein Freund, der den Finger auf die Wunde legt, ist Gold wert. Ich kenne keinen anderen deutschsprachigen Dichter, der mich auf so vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig anspricht und herausfordert, keinen, der mir so viel abfordert auch. Er geht immer einen Schritt über die Kante hinaus, das ist vielleicht auch das, was uns so sehr auch persönlich verbindet. Nur ist er sprachlich sehr viel ausgereifter als ich. Wer wäre ich also, seine Einwände und Tipps nicht ernst zu nehmen. Ich werde mich nun auf die Suche nach einer neuen Form machen, aber – wie im Gespräch erwähnt – da einsetzen, wo ich stehen geblieben bin. Es wird auch nachher noch genug Zeit sein, um die ersten Kapitelchen zu überarbeiten.