(es detonieren Bomben, aber nicht hier, mächtige Rauchwolken treten aus dem Tal empor, auf einer Länge von 4km ist das breite Bahngelände mit allen Gebäuden, Gleisanlagen, mit sämtlichen Waggons und Lokomotiven restlos zerstört, haushoch ist alles aufeinandergetürmt, ein Bombentrichter neben dem anderen, rechts und links neben dem Bahngelände steht kein Haus mehr, alles brennt, die große Fuhrparkbrücke liegt auf den Gleisen, darunter, darüber, daneben tote Menschen und Pferde, zum Teil gräßlich verstümmelt, verzweifelte Menschen, verdreckt und verstaubt, einzelne mit schrecklichen Wunden, ziehen umher)

Markus A. Hediger:
Das vierte Tableau der Sandsteinburg beginnt mit diesem langen “Anker”, einer langen Passage zwischen Klammern: die Beschreibung eines Kriegsschauplatzes, sehr konkret. Der Krieg zieht sich durch das gesamte Tableau und spielt in alles hinein: in das Fängermotiv, die Liebe, selbst Babylon bleibt nicht unverschont: “(der Turm, der zum Himmel stinkt)”. Was mir bei der Lektüre dieses Tableaus aufgefallen ist: dass es hier sehr viel weniger Stränge gibt, die parallel nebeneinander herlaufen, hier fliesst alles in das Kriegsbild hinein und findet darin seinen Platz. Weshalb ausgerechnet der Krieg als einheitsbildende Komponente?

Michael E. Perkampus:
Der Krieg hat etwas mit der “Ahnentheorie” des Romans zu tun. Es lösen sich die einzelnen Figuren, die ja ohnehin nur nebulös bleiben, immer wieder auf, verlieren selbst ihre vage Eindeutigkeit, mit der man in diesem Buch auskommen muß. Das vierte Tableau zeigt Carlos, ein Kind des Krieges und – wenn man möchte, kann man es so betrachten : Christina, die ja entscheidende Träger in Adams Erinnerungssystem sind. In einem kleinen Satz dieses Tableaus wird die Verwechslung Carlos/Adam offenbar, denn man bleibt über Zeit und Ort nicht im Klaren. Die Kindheit Adams ( an die er sich erinnert) ist also auch eine Erzählung des Krieges (ich gehe davon aus, daß Kindheit immer eine Erzählung ist, die der anderen, Verwandten, Freunde – und die des eigenen Ichs.) Das Babylon-Motiv ist das alles beherrschende Prinzip hinter der Struktur, wird natürlich erst dann konkret(er), wenn sich Adam auch wirklich aufmacht, dieses Mysterium zu erkunden.

Markus A. Hediger:
Was mich erstaunt hat, ist, wie konkret hier der Krieg dargestellt wird (deshalb auch meine Frage nach seiner Bedeutung): Meine Beobachtung zielt ja auch auf den sprachlichen Aspekt in diesem Tableau: der Krieg ist, anders als andere Themenstränge in der Sandsteinburg, offenbar so kompakt, “konkret” möchte man fast sagen, dass er sich der “Einmischung” durch anderes widersetzen kann.

Michael E. Perkampus:
Ich denke oft darüber nach, wie sich diese Auslese erklären läßt : zwei Menschen treffen sich in den größten Wirren und lösen eine Kettenreaktion aus. Generationen um Generationen leben unbemerkt durch die Epochen, bis eines Tages ein einzelner Same auf etwas fällt, der vielelicht den ganzen Familenkonsens enthält, der seit jahrhunderten nach einem Ausweg sucht. Der Krieg ist etwas Elementares. Natürlich kann man es von humanistischer Seite aus verurteilen, aber der Mensch braucht den Krieg und wird sich immer wieder Kriegszustände wählen, um sich zu entwickeln. Diese Antwort wird vielen nicht schmecken, aber wir kommen nicht darum herum. Es gibt keinen größeren Ausnahmezustand als den Krieg, der einem Kessel gleicht, der alle Wunder enthält.

Markus A. Hediger:
Ja, vielleicht kommt genau daher (vom Krieg als Kessel) der seltsam einheitliche Eindruck dieses Kapitels: er vereinigt in sich als Bild dein Verständnis von Einheit von – eben – Allem.