Im Schrank hatte sie einen Guckkasten, sorgfältig weggeschlossen. Den Schlüssel dazu trug sie an einer Kette zwischen ihren schon alten Brüsten. Besuchten wir sie, ging mein Blick sofort da hin. Meine Grossmutter lachte, verstand, und schon bald fand ich mich wieder, wie ich die Augen gegen den Kasten drückte und staunend mir die Wunder besah, die sich darin verbargen: gezeichnete Szenen eines Festes, Ausschnitte komplizierter Apparaturen, der letzte Gang eines missverstandenen Königs.
Dass die Bilder nicht in Farbe, sondern in schwarzen Strichen auf schon vergilbtem Untergrund gehalten waren, tat ihrem Reiz keinen Abbruch: da war keine Tinte, die meine Phantasie übertüncht hätte. Auch dass die Bilder keine Geschichten zeigten, sondern bloss Szenen, tat ihrer Faszination keinen Abbruch (ob der Mann, der sich über die Dame beugte, seinen Kuss bekam; wozu die Maschine diente, die rumpelnden Rauch ausstiess; ob der König nicht nur die Krone, sondern auch seinen Kopf verlor – das alles musste ich mir denken).
Guckkastenbilder leben von ihren Details und von den Erwartungen, die sie im Betrachter wecken: sie streben auf eine Pointe zu, verraten sie aber nicht. Perkampus’ Guckkasten(klang)bilder kommen wunderbar ohne Pointe aus. Sie bezaubern durch die Auswahl und den Ausschnitt der Szenen. Beim ersten Hören fragt man sich noch, worauf das Bild eigentlich hinauswill, und nur im Vorbeilauschen horcht man auf, wenn ein Detail (ein Klang, eine Betonung, ein Wort) das Ohr anspringt, doch schon klingt das Bild aus, man spult zurück, hört es sich nochmals an.
Perkampus’ Guckkastenbilder verklingen in der Imagination des Hörers: Sie finden ihre Stille in keinem Schlusspunkt, nicht in einem erlösten Auflachen (nichts ist flüchtiger als eine Pointe), sondern still klingen sie nach in der Vorstellungskraft und verlieren sich schliesslich in den zahlreichen Forterzählungen, die sich die Bilder darin suchen.
Den Schlüssel zu diesem Guckkasten müssen Sie nicht zwischen den Brüsten Ihrer Grossmutter hervorklauben. Sie können ihn sich – mit geringerem Aufwand und für wenig Geld – kaufen.
Michael Perkampus
Guckkasten. 21 Fazetien.
Text und Regie: Michael Perkampus
Produktion: Erdton Musik
edition taberna kritika, 2011
ISBN 978-3-905846-16-4




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1 Kommentar
Übersetzungstagebuch – 06. Juli 2011 | Avenida Perdida says:
Jul 6, 2011
[...] den ich mir gestern zwei Mal anhörte. Ein grandioses Stück, wieder einmal, lauter als der Guckkasten, sehr viel lauter, aber umso unheimlicher in den leisen Zwischentönen, eine vielschichtige [...]