Als Giambattista an diesem Abend gegen fünf das Bureau verlässt, ahnt er noch nicht, dass er sein Leben verlieren wird.

Mit diesen Worten beginnt das Hörspiel “Der Regenschirm” von Michael Perkampus, das nun, aufwändig produziert, unter dem Label Erdton erschienen ist. Insgesamt zehn Sprecher inszenieren die irre Groteske, die von da an ihren Lauf nimmt. Es fehlt dem “Regenschirm” nicht an bizarren und absurden Bildern, es geht dreckig zu und her, manche Szenen sind mit Fäkalien bekleckert, Erbrochenes ergiesst sich über den Boden, absonderliche Sexualpraktiken werden da praktiziert. Aber den “Regenschirm” nur deshalb als Groteske zu bezeichnen wäre viel zu kurz gegriffen. Man tut gut daran, sich vom Lärm nicht ins Bockshorn jagen zu lassen.

In gewissem Sinne handelt es sich um eine Dürrenmattsche Groteske: Die Ereignisse, ausgelöst durch den von Giambattista im Büro vergessenen Regenschirm, nehmen immer die schlimmstmögliche Wendung. “Schlimmstmöglich”, das heisst bei Perkampus: Ein kleines, unbedeutendes Ereignis löst eine Kette von weiteren Ereignissen aus, die unerbittlich ihren Lauf nehmen. Auch sonst kommt der Vergleich mit Dürrenmatt nicht von ungefähr. Verschiedene Szenen erinnerten mich an Dürrenmatt, unter anderem jene, da man Sombreros Tochter mit abgebundenen Titten praktisch nackt auf dem Sofa sitzend antrifft. Mir kam dabei unwillkürlich eine der Kreuzigungen von Dürrenmatt in den Sinn. Anders aber als Dürrenmatt geht es bei Perkampus nicht um die kosmische Katastrophe, auf die wir alle Zurasen, sondern um eine persönliche, der wir ebenso wenig ausweichen können. Und wo es um persönliche Schicksale geht, wird es immer dreckig. Persönliche Niedergänge spielen sich auf verstopften Toiletten ab, in Armenhäusern, auf deren Boden man sich erbricht. In der persönlichen Katastrophe rasen nicht Planeten aufeinander zu, sondern da verliert der Mensch die Kontrolle über den Schliessmuskel.

Perkampus legt es durchaus darauf an, Ekel im Hörer zu erzeugen. Das hat seinen guten Grund. All der Unrat, all das Perverse, das da zum Vorschein kommt, ist im Grunde nichts anderes als Leinwand für die wahre Groteske, die sich darauf projeziert. Dass das “Schuhe-Ausziehen” z.B. als verurteilenswerteste Verworfenheit dargestellt wird, während im Gegensatz ein offensichtlich hochgradig Perverser als Fürsprecher der ganzen Nachbarschaft eintritt, das kann als eine Metapher für unsere Zivilisation und ihre anerkannten Gesellschaftsschichten gelesen werden, keine Frage, aber das Groteske greift noch tiefer.

Jener, der Giambattista des Treuebruchs bezichtigt, lebt selbst in einer offensichtlich inzestiösen Beziehung mit seiner Tochter, Giambattistas Ehefrau ihrerseits, die doch so sehr um den Erhalt ihrer Ehre besorgt ist, als Giambattista ohne Regenschirm nach Hause kommt, wechselt ihren Mann kurzerhand aus, als dieser seinen Job verliert – kurz, die hochgehaltenen Werte sind nichts als Fassade, die es aber auf Teufel komm raus aufrechtzuerhalten gilt.

Es gibt eine Schlüsselszene in dieser ganzen Groteske: Sie bricht völlig unvermittelt in das Geschehen ein und wirkt wie ein Fremdkörper. Am Morgen, als Giambattista ins Bureau zurückkehrt, verwandelt sich der Raum in einen Rummel mit allem, was dazu gehört. Zuckerwatte wird verteilt, eine Drehorgel kurbelt ein Cantabile, der grosse Zampano tritt auf und führt mit Giambattista dessen Entlassungsgespräch. Es ist die vielleicht kunstvollste Szene im ganzen Hörspiel, denn hier kehrt die Groteske ihr Inneres nach aussen: Plötzlich hört das Geschehen auf, grotesk zu sein und wird sehr konkret. Was der Zampano zu Giambattista sagt, ist von der Realität abgeschrieben.

Von da an fügt Giambattista sich in sein Schicksal, erleidet weitere groteske Szenen, doch ohne sich zu wehren. Nur einmal noch, ganz am Schluss, stemmt er sich noch einmal gegen sein Schicksal und besiegelt es damit auch. Giambattista gerät in einen regelrechten Strudel wegen eines banalen Geschehens, das so unbedeutend ist, dass es nie eine Geschichte hergeben könnte. das meint ja nichts anderes, als dass eine willkürliche Regel, sei sie auch noch so absurd, eingehalten werden muss. Entweder du spielst mit, oder du gehst zum Teufel. Dass sich diese merkwürdigen Verhaltensformen durch alle Schichten zieht, das meint “Der Regenschirm”.
Giambattistas Tod ist deshalb auch das Groteskeste am ganzen Stück. Er stirbt, weil er ausgerechnet zu jenen Werten steht, die als mit Kot angefüllte Hüllen entlarvt worden waren, und sich folglich weigert, eine ihm wildfremde Person, die ihm einen hilfreichen Tipp gegeben hatte, zu verraten.

Es gibt noch Vieles, was über den “Regenschirm” gesagt werden könnte. Beinahe in jedem Dialog steckt mehr als das – oft verschroben – Gesagte. Perkampus legt zudem Spuren, die sich durch das ganze Stück ziehen und die zu verfolgen die Mühe lohnt. “Der Regenschirm” muss mehrmals gehört werden. Das erste Mal geniesse oder überkomme man (je nach persönlichen Dispositionen) den Ekel der grotesken Oberfläche. Vom zweiten Mal an aber konzentriere man sich auf die Vielschichtigkeit, auf die vielschichtigen inhaltlichen und sprachlichen Verquickungen, denen es, will man die wirkliche Tiefe dieser Groteske erkunden, zu folgen gilt.

“Der Regenschirm” liegt nicht als Text, sondern als Hörspiel vor. Der Autor hat auf seinem Weblog jedoch bereits angedeutet, dass er auch die Veröffentlichung einer Textversion des “Regenschirms” plant, doch fällt es mir schwer, mir dieselbe Wucht, dieselbe Wirkung auf Papier vorzustellen, die das Hörspiel durch seine Besetzung bewirkt. Die Sprecher sind ausgesprochen geschickt ausgesucht, zu keinem Zeitpunkt fragt sich der Hörer, wer denn nun da spricht. Jede Stimme hat ihren eigenen Klangcharakter, ihre eigene Persönlichkeit, die sich wiederum sehr geschickt vom irren Lauf der Geschichte abzuheben weiss, ohne als Fremdkörper zu wirken. Ebenfalls als sehr angenehm habe ich den sparsamen Einsatz von Geräuschen und Musik empfunden, die dem Text einen Halt geben, aber nie verdecken.

Text und Regie: Michael Perkampus
Co-Regie u. Casting: Stephanie Petrussek
Aufnahmeleitung/Mastering: Fafnir Fiedler
Erdton, Juli 2011
7 Euro

Spielzeit: 48 Minuten

Sprecher: Michael Perkampus, Fafnir Fiedler, Stephanie Petrussek, Welf Miller, Klara Petrussek, Hans Mehl, Simone Tronsberg, Sven Gotthardt, Ines Bock, Pascal Höfert