Es ist dir vielleicht doch schon zuweilen eingefallen,
lieber Leser, an der Richtigkeit des bekannten
philosophischen Satzes, dass das Äussere das
Innere, das Innere das Äussere sei, ein bisschen
zu zweifeln.

Victor Eremita, im Vorwort zu “Entweder-Oder”

1.
Wie oben, so unten – wie unten, so oben. Wie innen, so aussen – wie aussen, so innen. Wie im Grossen, so im Kleinen – wie im Kleinen, so im Grossen. Der Mikrokosmos ist ein Spiegel des Makrokosmos. Was sich im Makrokosmos abspielt, wird auch im Mikrokosmos inszeniert. Was ich denke, ist. Nur was ist, kann gedacht werden. Ich bewege mich auf dünnem Eis, variiere das Prinzip, das Victor Eremita anzweifelt, um seinem Zweifel nachzufühlen. Wo ein Auto ist, sehe ich ein Auto. Die gefühlte Temperatur entspricht der Anzeige auf dem Thermometer. Wo ich etwas höre, wird das Gleiche gesagt. Es dürfte keine Missverständnisse geben.

2.
Wie erkunde ich die innere Welt? Indem ich meinen Gedanken nachspüre. Ich denke in Bildern und Gefühlen, vornehmlich aber bediene ich mich der Sprache. Wie erkunde ich die äussere Welt? Mit meinen Sinnen. Ich höre, ertaste, rieche, schmecke. Vor allem aber sehe ich. Gott brachte die Tiere zu Adam, dass er ihnen Namen gäbe und sie so voneinander unterschiede. Sprache lebt von der Differenz. Nicht nur von der Differenz zwischen Lexemen und Sememen, zwischen Wörtern und ihren Bedeutungen, sondern auch von dem Abgrund, der sich zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem, zwischen Bedeutendem und Bedeutetem auftut. In diesem Abgrund liegt die Bedeutung verborgen. Wer Bedeutung finden will, muss hinab.

3.
Adam entwickelte eine Sprache für das, was er sah. Sprache aber ist das Medium des Geistes. So kann der Geist gar nicht anders, als Differenz zu setzen. Das Innen ist nicht das Aussen: Die Welt selbst ist, wie der Ästhetiker A später sagen wird, sprachlos.

4.
All dem zum Trotz glaubt insbesondere der Christ an das oben genannte Prinzip der Identität: Er lebt als Sünder in einer sündigen Welt. Sein Handeln, sein Fühlen, sein ganzes Innen sind ein Spiegelbild der Sündhaftigkeit des Aussen. Durch das erlösende Wort des Evangeliums (ausgerechnet durch das Wort!) ist ihm eine Differenz gesetzt, die ihm zugleich Hoffnung und Elend ist.

5.
Die Hoffnung des Christen beruht auf der Aufhebung der Sündhaftigkeit, nicht jedoch auf der Aufhebung des Identitätsprinzips: ganz im Gegenteil. Im Himmel ist jede Differenz zwischen Innen und Aussen, zwischen Grossem und Kleinem aufgehoben – der Mensch wird in Harmonie mit sich und dem Himmel leben.

6.
Wie ist diese Harmonie zu denken? Sie muss sprachlos sein, denn wo Sprache ist, ist auch Differenz. Ich glaube, dass diese Sprachlosigkeit einer tiefen Sehnsucht des Christen entgegenkommt: endlich zu schweigen. Es ist wohl kein Zufall, dass in den meisten Vorstellungen, die man sich vom Himmel macht, nicht gesprochen wird. Man macht Musik.

(*In den “Glossen” sollen nach der Lektüre grösserer Abschnitte Gedankengänge zusammengefasst und zugespitzt werden, die mich während dem Lesen der betreffenden Passagen beschäftigt haben. Da mir die Idee zu diesen “Zwischenbilanzen” erst gestern kam, reiche ich heute die Glosse zu Victor Eremitas Vorwort nach.)