Michael Perkampus‘ Erzählung “Das süsse Gift der Adoleszenz” ist übersetzt. Die Übersetzung ist so weit korrekt, inhaltlich zumindest, aber in ihrer Wirkung und Kraft kommt sie nicht annähernd an das Original heran.
Der Grund dafür liegt – wie könnte es anders sein – in Michael Perkampus’ Erzählweise und Sprache. In seinen Texten greifen Erzählebenen und -stile ineinander, oft ist Zeit nicht mehr als ein semantisches Feld, ein poetischer Winkelzug, der ein Geschehen zwar möglich macht, es aber nicht davon abhält, zeitlos zu sein (oder: sich an keine zeitliche Logik zu halten: seine Zeit ist die Gleichzeit). Seine Poesie ist eine Poesie der Erde, des Bodens. Der Boden kennt keine Zeit, deshalb geschieht alles, was sich in, auf und über ihr abspielt, jetzt. Darin ist seine Erde dem Traum ähnlich.
Michael Perkampus’ Sprache ist dreckig. An ihr klebt der Dreck der Erde. Für Perkampus ist Erde Sprache und umgekehrt. Bei ihm ist selbst ein Erdbeben in der Lage, als Liebesakt durchzugehen. Sprache, und mit ihr das, was wir Leben nennen, wächst bei ihm aus dem Boden – es ist der Boden, der lebt. Alles, was auf und über ihr lebt, ist bloss Symptom davon. Deshalb wimmeln in seiner Erde nicht nur Würmer, sondern auch Geister und mythische Lebewesen: Liebe als unio mystica, weil sie eben nicht im Himmel stattfindet.
Der Einfluss der Romantik ist unübersehbar. Doch Michael Perkampus will nicht “zurück zur Natur”: bei ihm ist alles Natur. Gewachsenes und vom Menschen Gemachtes sind miteinander ineinander. Hier liegt eines der Geheimnisse seiner Sprache: Die Gleichbehandlung und Zusammenführung von Natur und Artefakt führt nicht etwa zu einer Einebnung und Gleichmachung, sondern zu einer Öffnung und Ausweitung seiner Welt. Wo Mensch und Natur zusammenfinden, finden sich auch andere Wesen und Kräfte ein, die im Zwischenreich des Spannungsfeldes zwischen Mensch und Natur ihr Dasein fristen. Wenn in Perkampus’ Texten Geister auftreten, so treten sie nicht von aussen als Eindringlinge in diese Welt ein, sie sind schon da. Gleiches gilt für Vorstellungen und Begriffe der modernen Wissenschaft, die mit derselben Natürlichkeit in den Text finden.
In einem Text kann dieser Effekt natürlich nur durch die Sprache erzeugt werden. Als Übersetzer eines solchen Textes muss ich also nach den sprachlichen Mitteln fragen, die Perkampus verwendet, um diese Wirkung hervorzurufen. Ich will dies hier anhand einiger Beispiele aus Perkampus “Das süsse Gift der Adoleszenz” tun und auf die Probleme eingehen, die diese für die Übersetzung darstellen.
Jedes Land besitzt seinen eigenen Geruch, der sich im Honig der Gegend einnistet, in der Milch und im Geschmack der Sonntagsbraten, die im Sud des Wassers schmoren, das gestrandete Pollen von den Ufern reißt, sich durch die Installationen siebt, die nach dem Krieg erneuert wurden, danach nicht mehr.
Die inhaltliche Bewegung, die semantische Entwicklung dieses einen Satzes ist gewaltig. Er setzt an mit einer Beschreibung eines Aspektes der Natur und seiner Auswirkungen auf Elemente derselben (Honig, Milch), um im selben Atemzug auch in von Menschenhand Geschaffenes (Sonntagsbraten) hineinzuwirken, dann sogleich zur Natur zurückzukehren und von ihrer Gewalt zu erzählen (das Wasser, das reisst), die ihrerseits aber sofort wieder auf Menschenwerk stösst (Installationen), die dem Erzähler Anlass gibt, von ihrer Geschichte (Krieg und Erneuerung und – impliziertem – Zerfall) zu berichten. Das alles in einem einzigen, flüssigen Satz.
Auch die grammatische Konstruktion spiegelt das semantische Geschehen wieder: Die Aneinanderreihung von Relativsätzen zeichnet das Fliessen des Wassers nach, das von Stein zu Stein, von Stromschnelle zu Stromschnelle, von Naturereignis zu Flusswehr springt.
Soll nur der Inhalt dieses Satzes wiedergegeben werden, bereitet er dem Übersetzer keine Probleme:
Cada terra possui seu próprio cheiro que se aloja no mel da região, no leite e no gosto do assado que estufa na calda da água que arranca os pólens encalhados das margens, é filtrada pelas instalações que foram renovadas após a guerra, e desde então, não mais.
Das ist korrekt übersetzt, doch wirkt er – anders als die deutsche Vorlage – konfus und unzusammenhängend. Das hat zwei Gründe: Zum Einen ist das gebräuchlichste Relativpronomen im Brasilianischen das Wörtchen “que”, das weder nach Genus noch Numerus unterscheidet. Zu viele Relativsätze mit “que” erzeugen den Effekt einer Leier, die nur dann eine positive Wirkung entfalten kann (es gibt hochpoetische brasilianische Kinderreime, die genau damit arbeiten), wenn der gesamte Satz streng nach diesem Muster konstruiert wird. Was im vorliegenden Fall nicht zutrifft: Die meisten Subjekte der Relativsätze des zitierten Beispiels begnügen sich mit einem Verb. Der Geruch nistet sich ein, die Sontagsbraten schmoren, die Installationen werden erneuert. Das Wasser aber tut zweierlei: Es reisst und siebt sich. Dadurch gerät im Brasilianischen der Satz ins Stocken.
Der zweite Grund findet sich – wieder einmal – in den Verben: Im Deutschen werden alle Verben aktiv verwendet – mit Ausnahme des letzten, dessen Passivität den Satz ausklingen lässt und mit dem “danach nicht mehr” harmonisch zusammengeht. Im Brasilianischen jedoch muss man bereits beim vorletzten Verb auf den passiven Modus zurückgreifen: “sich selbst sieben” geht nicht, entweder man “wird gesiebt” oder “siebt etwas” Drittes. Es entsteht der Eindruck einer ins Quadrat gehobenen Passivität: Das Wasser “erleidet” einen Eingriff durch etwas (die Installationen), das selbst einem Eingriff unterzogen wurde (der Erneuerung).
Wie also im Brasilianischen denselben “natürlichen” Effekt dieses Satzes reproduzieren? Eine Möglichkeit besteht darin, die Aneinanderreihung von Relativsätzen zusätzlich zu durchbrechen und eine aktive Lösung für das “sich sieben” zu finden (und all dies bei gleichzeitiger Beachtung des Rhythmus):
Cada terra possui seu próprio cheiro, que se aloja no mel da região, no leite e no gosto da carne assada na calda da água que inunda as margens e delas leva o pólen ali encalhado para então passar pelas peneiras das instalações que foram renovadas após a guerra, e desde então, não mais.
Jedes Land besitzt seinen eigenen Geruch, der sich im Honig der Gegend einnistet, in der Milch und im Geschmack des Fleisches, gebraten (Partizipkonstruktion statt Relativsatz) im Sud des Wassers, das Ufer überflutet und gestrandete Pollen mitreisst (hier des Rhythmus wegen ein zusätzliches Verb eingebaut), um dann durch die Siebe der Installationen zu fliessen (aktiv! Tönt schrecklich auf Deutsch, auf Portugiesisch “fliesst” der Text aber ganz schön), die nach dem Krieg erneuert wurden, danach nicht mehr.
(Fortsetzung folgt.)




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5 Kommentare
Übersetzungstagebuch – 28. Juni 2011 | Avenida Perdida says:
Jun 28, 2011
[...] damit verbracht, darauf eine Antwort zu finden. Den ersten Teil meiner Untersuchung können Sie hier nachlesen. Dass man sich als Übersetzer bisweilen auch als Interpret betätigen muss, gehört zu [...]
Irisnebel says:
Jun 29, 2011
das finde ich richtig klasse, dass diese detailarbeit im uebersetzen mal anhand konkreter saetze so anschaulich demonstriert wird. und ich bewundere den mut, sich an Michas phantastische arbeiten zu wagen, gleichzeitig hege ich auch vollstes vertrauen in die uebersetzung, weil ihr euch in vielem nahe seid und weil du in beiden sprachen und kulturen zu hause bist und taeglich zwischen den sprachen switchst.
Markus A. Hediger says:
Jun 29, 2011
ich glaube, dass man im fall von michaels texten (wie von literarischen texten im allgemeinen) die analyse so gründlich und so weit wie möglich treiben muss. je mehr “informationen” der übersetzer über die sprache und erzählweise des autors hat, desto eher steuern diese informationen auch unbewusst die übersetzung. mir wurde das sonnenklar, als ich mich an den guckkastentexten versuchte – und scheiterte. sie stellen sowas wie die spitze des eisbergs dar, unter der eben dieser ungeheure fundus sich ausbreitet, aus dem sie dann eben herausragt. eine spitze ohne eiskoloss darunter, der sie hält, ist den launen der wellen ausgesetzt.
Übersetzungstagebuch – 30. Juni 2011 | Avenida Perdida says:
Jun 30, 2011
[...] Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Brasilianischen für die Übersetzung seiner “dreckigen” Sprache? Wie lässt sich die Erde, seine Erde, ins Brasilianische hereinholen? Oder besser: [...]
Übersetzungstagebuch – 01. Juli 2011 | Avenida Perdida says:
Jul 1, 2011
[...] es mir in meinen Beiträgen (Teil 1; Teil 2) über die Übersetzungsarbeit an Michael Perkampus’ Erzählungen nicht so sehr um [...]