Die “Kleine Theorie des Literarischen Bloggens“, von Alban Nikolai Herbst, ist ein Buch. Dieses Offensichtliche wird von Benjamin Stein in seiner Rezension hinterfragt, wenn er es “vielleicht als »Mogelpackung«” bezeichnet. Denn, so argumentiert er: “Geboten werden nämlich Beiträge aus den Dschungeln, aus besagter Rubrik und angrenzenden Rubriken, sowie Kommentare und Repliken des Autors auf diese Kommentare. Allerdings ist nicht ersichtlich, ob das Material für die Drucklegung überarbeitet wurde. Es ist auch nicht klar, ob die Beiträge in der Reihenfolge ihres Erscheinens in den Dschungeln präsentiert werden oder anderweitig geordnet worden sind.”
All diese Fragen, die Stein aufwirft, sind für mich als Leser der “Kleinen Theorie” von keinerlei Bedeutung, denn es ist offensichtlich, dass hier eine buchgestaltende Hand am Werk war. Auch wenn auch mir als langjähriger Leser Der Dschungel viele der Texte aus meinen Lektüren des Weblogs des Autors bekannt vorkommen, auch wenn viele der Abschnitte eindeutig die Struktur eines Weblogeintrages aufweisen, so habe ich doch ein Buch vor mir, das ich ganz anders lese als das Weblog – und allein schon durch diese andere Lesehaltung überarbeite und verändere ich das Material.

Vor allem das erste Drittel der “Kleinen Theorie” erinnerte mich während der Lektüre stark an Roland Barthes’ “Die Lust am Text”. Ähnlich dicht entwickelt und präsentiert Herbst seinen Gegenstand, wie Barthes greift auch Herbst tief in Bilder, Begrifflichkeiten und Erfahrungswerte aus anderen Lebensbereichen hinein und durchschreitet auf wenigen Seiten Distanzen, die grosse Bereiche des menschlichen Kosmos durchmessen. Berichtet der Autor auf Seite 27 noch von einem körperlichen Genusserlebnis, das mit dem Bloggen auf den ersten Blick gar nichts zu tun hat, ausser dass es einen Blick auf den bloggenden Autor in einem bestimmten Moment erlaubt, beschreibt er im nächsten Abschnitt das Weblog als Wohn- und Arbeitsraum, dem eben diese Körperlichkeit fehlt (“Das Gespräch, zu dem der Speichel gehört, wird von einem abgelöst”), um dann von dieser fehlenden Körperlichkeit her auf die Crux der Dschungel zu schliessen: “Gedanken haben keine Hände.” Es folgen in rasantem Tempo Gedanken über die Gleichzeitigkeit, die ihrerseits auf Seite 31 in einer Meditation über den Zerfall und den Tod münden. Das alles auf ganzen fünf Seiten. Um dieses Buch ganz zu begreifen, muss man es nicht nur verstehen wollen, man muss es wirken lassen. Anders ausgedrückt: Die “Kleine Theorie des Literarischen Bloggens” ist durchkomponiert, es spricht nicht nur über Kunst, es erhebt in seinem durchstrukturierten Aufbau den Anspruch, selbst Kunstwerk zu sein.

Doch verspricht die “Kleine Theorie” seinen Lesern auf dem Cover nicht nur einen Essay, sondern auch eine Erzählung. Und diese hat es in sich. Es ist die Geschichte eines Lebens, das zu einem Roman nicht gerinnt sondern ausufert und, über die Ufer tretend das Leben überschwemmt. Diese beiden Richtungen, in den Roman hinein und aus dem Roman heraus, erzeugen ein Oszillieren zwischen zwei Wirklichkeiten, dessen Schnittstelle (und Ursprung) das literarische Weblog ist. Wer sein Leben als Roman begreift, dem ist der Roman auch Welt, und Herbst erschreibt sich diese Welt, indem er konsequent von den Strukturen und Möglichkeiten ausgeht, die das Weblog bietet, und ebenso konsequent das Bild eines Menschen entwirft, der an den Anforderungen und Widrigkeiten des Weblogs als Wohn- und Arbeitsraum sich entwickelt und daran wächst. Es ist ein Menschenbild, das sich radikal von unserem gewohnten Selbstbild unterscheidet, es ist ein Bild, das keine scharfen Grenzen mehr besitzt, in dem Einer Viele und Ich Du sein kann, und nie kann mit absoluter Gewissheit gesagt werden, ob das, was ich als Leser lese, nicht von mir selber stammt. Als Leser schreibe ich diesen Roman mit. Das literarische Weblog als Weltentwurf greift in alle Bereiche des Lebens hinein und nimmt den Leser mit hinein in diese Welt. Daraus wird verständlich, weshalb Autor und Leser bisweilen zusammenfallen, um sich dann wieder in eine unüberbrückbare Ferne zueinander zu begeben.
Was, wenn nicht dieses Flirren zwischen Innen und Aussen, zwischen Ich und Welt, zwischen Preisgabe von Intimem und Bewahrung des Intimen vor der Öffentlichkeit, macht Wirklichkeit aus? Wie radikal Herbst die Wirklichkeit des Weblogs als seine eigene sieht, wird da deutlich, wo er auf den Einwand “Ich will bei dir nicht öffentlich vorkommen”, mit folgender Aussage reagiert: “Das Problem besteht darin, daß jemand, der das jemandem sagt, der sein Leben als einen Roman führen will, dann gar nicht mehr drin vorkommen kann, weder in seinem Weblog, noch in seinem Leben.”

In seinem grossen Büchlein “Die Lust am Text” definiert Barthes die “Lust” als “die Beständigkeit seines Ich”. Wer in Die Dschungel, aber auch in der “Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens” Lust sucht, wird zweifellos fündig. Aber Herbst bietet mehr. Wer will, findet darin auch Wollust (“den Schock, die Erschütterung, das Vergehen, die der Wollust eigen sind” [Barthes]). Diese jedoch ist an die Voraussetzung der Hingabe gebunden. Wer Wollust erfahren will, muss sich dieser von Herbst entworfenen Welt hingeben und das Risiko eingehen, sich zu verlieren: “Verlust”, schreibt Barthes, “das ist seine Wollust.” Herbst spielt aber auch hier nicht mit verdeckten Karten: Er verführt den Leser nicht etwa zu dieser Hingabe, sondern fordert sie. Da her erklären sich auch die vehementen Attacken, denen sich dieser Roman als Weltentwurf ausgesetzt sieht.

Alban Nikolai Herbst
Kleine Theorie des Literarischen Bloggens
edition taberna kritika, September 2011
132 S.
ISBN: 978-3-905846-18-8
€14 / 22 SFr