Bevor ich anfing meine Schritte zu lenken
(oder besser)
bevor der Wind kam und mich anblies, umstürzte, die Grashalme neben mir schüttern ließ, davor wuchs mir ein Organ, das die gleichen Aufgaben erfüllte, wie meine beiden Augen, ein Organ, von dem man sagt
- Das gibt es schon länger als uns
Christina sagte es, als die Schöpfkellen wieder einmal scheppernd vom Herddeckel herunterfielen
- Adam
sagte sie, Adam
- Das gibt es schon lange in unserer Familie, es ist das Auge, mit dem man den Schleier der Isis durchschaut, ihn nicht wegreißt
(man demütigt keine Göttin)
ihn durchschaut wie ein Negligé
Markus A. Hediger:
Eigentlich macht es kaum Sinn, aus der Sandsteinburg zu zitieren, da jedes Zitat unweigerlich aus dem Kontext gerissen wird, ohne den es nicht verständlich ist. Ich tue es hier aber dennoch (die zitierte Passage ist der Beginn des dritten Tableaus), um über die Sprache und den Schreibstil sprechen zu können, die du in der Sandsteinburg entwickelst. Da ist zunächst das Offensichtliche: Du verwendest keine Punkte. Jedes Tableau bildet einen einzigen, unaufhörlichen Gedankenfluss, der vom einen zum anderen (und auch hin und her) springt, wobei du jedoch nicht beliebige Gedankensprünge vollführst, sondern diese immer auf die eine oder andere Weise vorbereitest (hier z.B. nimmt das “davor” das vorgängig verwendete “bevor” wieder auf, um dann ein neues Thema einzuführen, wobei aber dieser zeitliche Aspekt im weiteren Verlauf immer wieder thematisiert wird ["länger", "wieder einmal", "lange", etc]). Aus semantischer Rohwolle spinnst du so zahlreiche Sememfäden, die mal nebeneinander herlaufen, mal sich ineinander verweben, um dann wieder zu zerfransen. Interessant aber ist, dass der Text seine volle Wirkung erst entfaltet, wenn man ihn laut liest, als schaffte erst die (laute) Stimme (des Lesers) einen Zugang zu Adams innersten Gedanken.
Michael E. Perkampus:
Da der Text sehr poetisch ist, lag es natürlich nicht fern, ihn auch so zu rhythmisieren und zu unterberchen, daß ein Grundthema ständig variiert. Ich achte sehr auf die “Lautbarmachung” meiner Arbeit – es kommt nicht von ungefähr, genaugenommen aus dem Homerismus, ein Gedicht auch Gesang zu nennen, wo ja alle Poesie herkommt. Literatur, das war einmal Musik – und die beste Literatur hat nie aufgehört, Musik zu sein. Der Dichter ist ein Sänger. Aber das ist natürlich keine weltbewegende Erkenntnis.
Adam scheint aber nicht immer derjenige zu sein, dem man zuhört, wenn gesungen wird. Es scheint ein Schattenorchester zu geben.
Markus A. Hediger
Meine Frage ist: Weshalb ist dir diese “Lautbarmachung” so wichtig? Ist es, weil du aus dem Theater kommst? Ist es, weil du dich der literarischen Tradition verpflichtet fühlst? Worauf ich mit diesen Fragen hinauswill: Es gibt Texte, die sich damit begnügen, still gelesen zu werden und darin ihren vollen Genuss entfalten. Bei dir aber scheint der Text an die menschliche Stimme gebunden. Weshalb?
Michael E. Perkampus:
Ich denke in der Tat viel konservativer als es in meinen Texten zunächst scheint. Ich halte es für einen Zufall, daß dies alles experimentell und modern wirken mag. Das Begnügen ist mein Anliegen nicht, ich will sehen, wohin es der Sprache überhaupt möglich ist, zu fließen, wenn man sie läßt. Das halte ich für eine Aufgabe des Dichters, der nicht umhin kann, auch Forscher zu sein. Ich denke bei Dichtung eben auch an eine Partitur, die sich nicht recht entfalten kann, wenn man sie nur liest, obwohl es natürlich möglich ist. Das ganze hat aber etwas mit Expression zu tun. Es geht um das Ausdrücken-müssen. Sprache will meiner Meinung nach immer lauten. Ohne die menschliche Stimme gäbe es die Sprache überhaupt nicht. Beides voneinander trennen zu wollen halte ich wie die Trennung Mensch/Natur für falsch.
Markus A. Hediger:
Wann immer du allgemeine Aussagen machst, sei’s über den Mensch, die Welt oder die Sprache, versuche ich, diese im Kontext anderer Aussagen zu sehen. Das führt mich nahezu immer zu einem Neuverständnis deines Ansatzes. Wenn du sagst, ausser Sprache sei nichts, so könnte man leicht auf den Gedanken kommen, dein Weltbild sei ein rein geistiges, etwas, das nur in unserem Kopf existiert. Ich glaube aber, dass man dir damit aber nicht gerecht würde: Wenn Sprache immer lauten will, dann heisst das im Grunde nichts anderes, als dass sie über sich selbst hinaus will. Oder, anders ausgedrückt, dass sie in erster Linie nicht Geist, sondern Materie ist. Sie will movens der Welt sein. So wie man den Mensch nicht von der Natur trennen kann, kann man auch die Sprache nicht von der Materie trennen. Immer wieder greift die Sprache in die Welt hinein und in der Sandsteinburg äussert sich das auf eine nahezu kuriose Weise: In deinen Text schiebst du zwischen die Stimmen des Schattenorchesters fügst du immer wieder Aussagen, Bemerkungen, Ergänzungen zwischen Klammern ein, und wann immer eine solche Klammer auftaucht, hat dies bei mir als Leser den Effekt einer Erdung, einer Rückbindung an die Welt. Ich kann diese Wirkung eines Zurück- oder Hineingeworfenwerdens semiotisch noch nicht erklären (ich werde darüber später noch vertieft nachdenken), im Moment kann ich lediglich sagen, dass dein Anspruch auf Einheit sich eben nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell äussert und da auch wirkt.




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