Keine Frage: “Von Tieren”, von Franz Dodel, ist ein kluges, ein belesenes Buch. Es ist ein in seiner Leichtigkeit tiefsinniges Buch, das wirkt, als sei es im Nebenher entstanden, und vielleicht gerade deshalb berührt. Aber es ist ein kurzes Buch.
Siebzehn Tierporträts sind in dieser Kürze enthalten, siebzehn Reflexionen und Meditationen über siebzehn Tiere, anhand derer der Autor dem Leser vor Augen führt, was diesen Tieren durch die Weltliteratur im Laufe der Jahrtausende zugemutet worden ist. Aber dadurch, dass Franz Dodel diesen Gang durch die tierische Literatur in persönliche Erinnerungen und Gedanken verzweigt, entsteht paradoxerweise ein delikates Labyrinth, aus dem der Leser nur herausfindet, wenn er seinen Blick vom Tier abwendet und auf sich selber richtet. Oder anders ausgedrückt: wenn er versucht, das Tier nicht mit seinen eigenen Augen, sondern sich selbst mit den Augen des Tieres zu sehen.
Es ist, wie gesagt, ein kurzes Buch, und daraus ergibt sich zwangsläufig, dass die darin enthaltenen siebzehn Kapitel viel zu kurz sind. Erreicht man als Leser das Ende eines Kapitels, will man das Ende nicht wahrhaben, man will weiterlesen, springt also zum nächsten Tier, das sich mit noch weniger Zeilen zufriedengibt, und so weiter, bis es schliesslich kein nächstes Tier mehr gibt, und man, noch ehe man ausser Puste ist, das Ende erreicht hat.
Der Mensch hat es sich im Laufe der Jahrtausende zur Gewohnheit gemacht, dem Tier seine eigene, die menschliche Moral aufzudrücken. Franz Dodel versucht mit grosser Sorgfalt und ebenso grossem Einfühlungsvermögen, den Tieren das Recht auf ihre eigene Moral zurückzugeben. Und der Leser bleibt nach der Lektüre dieser siebzehn kurzen Tierporträts mit der Frage zurück, ob es nicht vielleicht an der Zeit wäre, sich darauf zu besinnen, dass auch er ein Tier ist. Um auf diese Frage eine angemessene Antwort zu geben, braucht es den langen Atem, den das Buch dem Leser erspart.
Franz Dodel
Von Tieren.
92 S., 17 Abb.
edition taberna kritika, 2010
ISBN 978-3-905846-12-6
€12.00 / 16 SFr




Die Dschungel
Gleisbauarbeiten
in|ad|ae|qu|at
Kryptoporticus
logbuch isla volante
Nicht bei Trost
parallalie
roughblog
Salzkristalle und Trüffelpilze
taberna kritika
Tainted Talents
tempo.fugato
Turmsegler
1 Kommentar
Dodels “Von Tieren”: Einbürgerungsbemühungen | Avenida Perdida says:
Jun 16, 2011
[...] von Markus A. Hediger am 16. 06. 2011 • 08:33 Keine Kommentare Wie ich hier schon schrieb, ist Dodels “Von Tieren” ein kluges, ein belesenes Büchlein, das wirkt, [...]